Der Moment

In dem Moment, in dem. Eigentlich ein ganz normaler Satzanfang, aber es ist der Moment, in dem ich anfange, an meiner Sprache zu zweifeln. Oder aufhöre, mir meiner Sprache sicher zu sein. Also eigentlich eher ein Ende.

Angefangen hat es schon in den Wochen vorher. Immer öfter schlage ich beim Übersetzen Wörter nach, deren Sinn ich sofort verstehe, einfache Wörter, für die mir das deutsche Wort gleich einfällt, aber sobald ich sie mehr als einmal laut vor mich hinsage oder länger als zwei Sekunden darüber nachdenke, erscheinen sie mir plötzlich so seltsam, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob sie auch wirklich existieren oder ob ich sie eben erfunden habe, und wenn ich sie niederschreiben will, bekomme ich keine Luft mehr. Erst wenn ich ein Wort im Wörterbuch sehe, lässt die Beklemmung nach: Wenn es schwarz auf weiß auf dem Papier steht, muss es ja wohl existieren.

Und dann kommt der Moment. Schon in den Tagen vorher genügt mir auch das Nachschlagen im Wörterbuch nicht mehr, sondern ich lasse an jedem Abend alles, was ich niedergeschrieben habe, noch von zwei Testlesern durchsehen, die mir bestätigen sollen, dass mein Text in ganz normalem Deutsch geschrieben ist. Gibt es die Wendung „die Gelegenheit ergreifen“ wirklich, ist sie nicht allzu handgreiflich und so befremdlich, wie sie mir plötzlich erscheint, als ich sie zum zweiten Mal lese? Erst wenn mir zwei ganz normale Menschen versichert haben, dass alle Wörter und Wendungen in meinem Text ganz normal sind und ich sie weder frei erfunden noch der Ausgangssprache nachgebildet habe, kann ich erleichtert aufatmen. Aber die Erleichterung hält nicht lang an. Vielleicht sind die beiden Testleser mittlerweile so von meinen Texten und meiner Verwirrung beeinflusst, dass sie die wirkliche, richtige Sprache selbst zu vergessen beginnen.

Und dann, an einem ganz normalen Morgen, an dem ich mich wie immer mit meiner Kaffeetasse in der Hand an den Schreibtisch setze und auf den ersten Satz des Kapitels blicke, das ich an diesem Tag übersetzen will, kommt der Moment. Dès le moment où. Ich verstehe den Sinn der Wendung sofort und beginne den Satz niederzuschreiben. „In dem Moment, in dem“. Klingt holprig durch die Wiederholung. Ich lösche es wieder und schreibe „In dem Moment, wo“. Klingt unschön durch die Vermischung von zeitlicher und räumlicher Ebene. Außerdem hätte dann der Franzose au moment où geschrieben. Ich schlage im Wörterbuch bei moment nach und finde „Moment, Zeitpunkt, Augenblick“, außerdem eine Vielzahl von Wendungen, aber nicht die, die ich brauche. Ich schlage bei dès nach und finde „schon, seit, von ... an“. Eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet sich. „Seit dem Moment, in dem?“ „Seit dem Moment, wo?“ „Schon in dem Moment, in dem?“ „Schon in dem Moment, wo?“ „Von dem Moment an, in dem?“ „Von dem Moment an, wo?“ Von den Varianten mit „Zeitpunkt“ und „Augenblick“ einmal abgesehen – wie sagt man wirklich, was ist normales Deutsch, was ist richtig? Ich bin ratlos.

Nach einer Zeit des Nachdenkens, in der ich, während derer ich, wo ich es krampfhaft vermeide, an das Wort Moment zu denken, weil ich mich sonst erneut verwirre, kommt mir der rettende Einfall. Google. Wenn ich es selbst nicht mehr weiß, werden es doch die anderen wissen, die sich ihrer Sprache noch sicher sind, die keine Zweifel haben und ohne Nachdenken einfach schreiben, was ihnen in den Sinn kommt. Sie werden mir die Sicherheit wiedergeben, was normal ist und was man wirklich sagt. Meine Rettung ist Google.

Erleichtert, beinahe froh öffne ich die Suchseite und gebe „seit dem Moment, in dem“ ein.
131 Treffer.
Ich gebe „seit dem Moment, wo“ ein.
548 Treffer.
Ich gebe „schon in dem Moment, in dem“ ein.
210 Treffer.
Ich gebe „schon in dem Moment, wo“ ein.
121 Treffer.
Ich gebe „von dem Moment an, in dem“ ein.
732 Treffer.
Ich gebe „von dem Moment an, wo“ ein.
11.000 Treffer.
Die Entscheidung ist gefallen. Ich schreibe „von dem Moment an, wo“, auch wenn es holprig klingt und unschön die zeitliche und die räumliche Ebene vermischt. Es hat nun einmal die meisten Treffer.

Aber sicher bin ich mir nicht. Abgesehen davon, dass ich die Varianten mit „Zeitpunkt“ und „Augenblick“ noch austesten müsste, um ein Gesamtbild zu erhalten, und die Ergebnisse hier möglicherweise ganz anders ausfallen würden – auch die anderen Wendungen haben Treffer erzielt, auch die anderen Wendungen existieren also, werden gesagt, sind vielleicht sogar richtig. Auch bei den anderen scheinen die Sicherheiten zu schwinden und die Zweifel sich zu vermehren, und eine Rettung ist, oder scheint, nicht in Sicht.

In der Nacht träume ich von einer Schlange. Sie kommt aus einer Ecke des Zimmers und schlingt sich um meine Beine, meinen Unterleib, meinen Brustkorb. Ihr Kopf, der dicht vor meinem Gesicht tanzt, hat weder Mund noch Augen, sondern besteht nur aus einem Kringel, der an ein großes G erinnert; ihr Körper ist nicht glatt und kompakt, wie der Druck auf meine Rippen mir zeigt, sondern setzt sich aus einer langen Reihe kleiner Ringe zusammen; und ihr Ende, das sich um meine Füße windet, kann ich zwar nicht mehr sehen, weil sie mir eben eine weitere Windung um den Hals gelegt hat und mir vollends die Luft abdrückt, aber ich weiß auch so, dass es wie ein kleines -ogle aussieht.