Dieses Jahr nicht

Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr werde ich nicht versuchen, Weihnach-ten wie die anderen zu feiern. Nicht mit Tannenzweigen und Kerzen-leuchtern auf allen Fensterbänken, die ohnehin heruntergerissen werden. Nicht mit einem Weihnachtsbraten, für den man zwei Stun-den in der Küche gestanden hat, der durch die ganze Wohnung duftet und dann in Hast unter Schreien hineingegessen wird. Nicht mit den vielen Päckchen unter dem Baum, deren buntes Papier zerfetzt und in alle Ecken geworfen wird, während der Inhalt auf dem Boden zerbricht. Und auch nicht mit der Christvesper, wo ich bei Stille Nacht, wenn das Licht ausgeht und die Orgel mit allen Registern einsetzt, den anderen beim Weinen zusehe, während ich meinen Sohn daran hindere, Mütze, Schal und Gesangbuch von der Empore zu werfen und hinterherzuspringen, und auch nicht mit dem Stehen auf dem Kirchplatz bei lautem Glockengeläut und leisem Schneefall, wo ich mit angestrengtem Lächeln den anderen frohe Weihnachten wünsche, während ich ihn mit der Linken am Kragen halte, damit er dem nächststehenden kleinen Mädchen nicht ein Büschel Haare ausreißt.

Dieses Jahr feiern wir unser ganz besonderes Fest mit unserem ganz besonderen Kind. Mit Papiergirlanden im Fenster, die in Konfetti verwandelbar sind, wenn er sie auseinanderreißt. Mit einem Teller belegter Brötchen, bei denen es einem nicht leid tut, wenn man sie nicht in Ruhe genießt, sondern stehend und unter Schreien isst. Mit Geschenken aus Holz, die auf den Boden geworfen werden dürfen, ja sollen, weil es unsere Festmusik ist. Ohne Christvesper, ohne Stille Nacht, heilige Nacht, ohne die Rührung der anderen und das eigene falsche Lächeln. Diesmal halten wir unsere eigene, ganz und gar eigene Andacht. Denken daran, wie Josef geflucht haben mag über die Staatsmacht, die ihn zu dieser sinnlosen Reise zwang, wie er über die Reichen gewütet hat, die in ihren bequemen Häusern saßen, während sie beide nicht einmal in einer Absteige Platz fanden. Wie Maria heulte, weil die Geburt ihres ersten Kindes in einem solchen Dreckloch geschah, weil sie so gar nichts hatte und niemand ihr half. Wie die Hirten sich in den Stall drängten, stinkende Obdachlose, die keiner gern sah, und hinter ihnen die Könige, verdächtige Wahrsager aus dem Ausland. Wie das Kind nicht lächelte, sondern schrie vor Entsetzen, in eine solche Welt hineingekommen zu sein. Keine Tannenzweige, kein Bratenduft und keine bunten Päckchen, keine Rührung und keine Selbstlüge, dass die Welt doch in Ordnung sei. Und wenn wir später am Abend im Kellerraum landen, weil sich Mathias dort in der Leere von all dem Neuen am besten erholt und möglicherweise aufhört zu schreien und um sich zu schlagen, wenn wir bei Heizölgeruch im Halbdunkeln auf dem mit Isomatten bedeckten Boden kauern und hoch auf dem Schrank, wo er sie weder ausblasen noch mit den Fingern hineinfassen kann, eine Kerze brennt, werde ich dieses Jahr froh sein, dass Weihnachten ist.