Für diesen Moment

Wenn er sonntagnachmittags aus dem Haus ist, hänge ich als erstes die Vorhänge wieder auf. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet die Vorhänge. Sicher wäre es nötiger, die Nussschalen und die Brösel vom Fußboden aufzukehren oder das Nutella von den Türklinken abzuwaschen, damit es sich nicht noch mehr verteilt. Aber irgendwie liegt mir an den Vorhängen. Vielleicht weil sie dieser Wohnung etwas Wohnliches geben, etwas Bewohnbares, wenigstens einen Anschein davon.

Zuerst kommt der blaue Vorhang mit den roten Kreisen im Flur dran, der an einer Ecke ausgerissen ist, wohl aus der Zeit, als die Vorhänge noch am Fenster blieben, wenn er freitagabends reinkam. Dann folgt der gelbe mit den orangefarbenen und grünen Quadraten in der Küche und zuletzt die drei hellgrünen mit den weißen Stickereiblumen im Wohnzimmer. Jetzt sieht es schon wieder ganz anders aus und ich kann an die Böden gehen. Als erstes nehme ich mir die Fliesen im Hausflur vor, lasse weißen Schaum auf die krustigen Fußspuren tropfen und sehe zu, wie sich um die kreisende Bürste das Weiß zu Hellbraun, zu Dunkelbraun färbt. Wenn das Wasser im Eimer mittelbraun ist, schütte ich es vor der Tür auf die Wiese und lasse frischen Schaum im Eimer aufsteigen, so oft, bis das Muster der Fliesen wieder deutlich zu sehen ist. Als nächstes gehe ich an die Treppe, wische Stufe für Stufe die Brösel und die schwärzlichen Flecken, wo sich auf dem Sabber Schmutz festgesetzt hat, vom Buchenholz und ignoriere die dunklen Einbuchtungen, wo unter Füßestampfen oder Mit-dem-Schuhlöffel-Zuschlagen der Lack eingedrückt ist. Abschleifen und lackieren werden wir später, vielleicht im Winter, wenn er einmal zwei oder drei Wochen weg ist.

Als nächstes ist der Flur an der Reihe, wo sich die Spuren in Richtung Küche verdichten. Zertretene Teigbrösel, Schinkenstückchen, zer-splitterte Nudeln, eine halbe Zwiebel in einer Ecke, Ketchup, der Tisch verklebt, der Herd verklebt, der Kühlschrank verklebt. Natürlich könnte ich putzen, während er da ist, aber es ist wie Haaretrocknen, wenn man im Regen steht; es hat keinen Sinn. Erst wenn er im Wagen sitzt und sich Kilometer um Kilometer von dieser Wohnung entfernt und ich ihn nicht mehr schreien höre, nein, das nicht wegtun, nein, das noch essen will, und noch Schinken, und noch Käse, und Pizza machen, ganz große Pizza, gaaanz viel, erst wenn er weg ist, bekommt es Sinn, den Tisch mit weißem Schaum zu bedecken und dann bräunlichen Schaum in den Eimer zu wischen. Die Arbeitsfläche, die Spüle. Den Kühlschrank, den Herd. Die Türklinken und die Türen, wobei ich die dunklen Stellen nicht mehr wegzuschrubben versuche, die sich durch Löffel-, Teller- und Gabelwerfen hier eingeprägt haben; neue Türen gibts vielleicht in ein paar Jahren. Auch an den Wänden ignoriere ich die schon bekannten Abdrücke, einiges von dem Nutella von gestern geht doch noch ab, wir werden wohl bald wieder streichen müssen.

Die Fenster putze ich ganz am Schluss: zuerst mit Wasser, um den Großteil der Fingerabdrücke wegzubekommen, und dann mit Zitro-nenputzmittel, bis die Wiesen, der Teich und der Wald draußen klar zu sehen sind. Ganz am Ende hole ich meine Topfpflanzen aus dem Keller, stelle sie auf die Fensterbänke und rücke die Vorhänge noch gerade. Dann setze mich auf den Stuhl am Fenster und bin beinahe so etwas wie froh. Lass ihn doch auch am Wochenende im Heim, sagen meine Bekannten. Er ist eben zu schwer behindert. Du reibst dich ja auf. Aber es geht nicht, ihn am Telefon halb erwartungsvoll und halb siegessicher sagen zu hören: Und wann wieder Pizza machen? Nudelpizza!! Gaaanz viel!!! und zu antworten: Diese Woche nicht, nein, und nächste Woche auch nicht, und übernächste auch nicht. Also hänge ich eben freitagabends die Vorhänge ab und trage die Pflanzen in den Keller und sonntagabends dann umgekehrt. Lass doch das Putzen jedesmal, sagt mein Mann. Es ist ja eine Sisyphusarbeit. Bring die Vorhänge auf dem Dachboden, schmeiß die Pflanzen auf den Kompost und wisch nur mal über die Böden. Was solls. Aber auch das geht nicht. Ich könnte glauben, ja ich bin mir fast sicher: Für diesen einen Moment, auf dem Berggipfel mit dem Blick auf die Landschaft, bevor der Stein wieder losrollt, diesen einen Moment am Küchentisch, wenn die Vorhänge wieder hängen, die Topfpflanzen ihre Blätter zu strecken scheinen und die Wohnung nach Sauberkeit duftet, diesen einen Moment, in dem alles gut ist, einfach alles, was ist und was war und was kommt, genau dafür ist Sisyphos mit dem Stein jeden Tag wieder losgegangen.