Im Käfig

Ich rüttle nicht mehr an den Käfigstäben. Früher habe ich mir die Knöchel dran blutig geschunden, jetzt nicht mehr. Jetzt sitze ich auf meinem Holzstäbchen, wippe hin, wippe her, und wenn es langweilig wird oder ich mir mehr Ausblick wünsche, hüpfe ich auf das zweite, höhere Holzstäbchen, wippe dort hin, wippe dort her. Und bin so zufrieden.

Warum sollte ich noch hinauswollen? Die Landschaft lockt mich nicht mehr. Ich weiß doch, sie sieht nur so grün und so weich und so warm aus. Sie ist nur ein Bild. Keine Bäume sind da, auf denen man sitzen könnte oder sogar ein Nest bauen, das weich wäre wie eine Hand, und kein Gras ist da, durch das man wandern könnte wie ein Finger durch warmes Haar. Die Landschaft ist nur eine kühle Kulisse, die mich wegweist, abprallen lässt, wenn ich versuche, in das Grün hineinzufliegen und mich auf einen solchen Baum zu setzen oder durch solches Gras zu wandern. Ich bleibe hier.

Denn was wäre, wenn ich mich hinauswagte und dort nirgends wohnen und wandern könnte? Ich wäre dem Wind ausgeliefert. Ich kenne den Wind. Er schlüpft mir heimtückisch unter die Federn, packt mich, reißt mich hoch und zerzaust mich. Reißt mir die Federn heraus, eine nach der andern, keine vergessend, bis Flügel und Körper nackt sind und ich zu Boden stürze, wo ich nach einigem Zittern erfriere.

Wie viel lieber ist mir mein Käfig. Mein Holzstäbchen, an das ich mich klammern kann. Hier fehlt mir nichts. Sogar singen kann ich, auf meinem Sitzplatz hinwippend, herwippend, wenn auch das Echo zwischen den Gitterstäben etwas schrill ausfällt, aber ich habe es schätzen gelernt. Und sogar Musik machen kann ich, mit den Zehen an den Gitterstäben entlangschreddern, eine zwar etwas klappernde, aber trotzdem schöne Käfigmusik. 

Nein, nichts lockt mich hinaus. Vogel bleibt schließlich Vogel. Und Käfig bleibt Käfig. Der Käfig macht doch den Vogel aus! Was wäre er ohne ihn? Wozu also sollte ich an diesen Stäben rütteln? Lieber wippe ich hin und her. Hin und her.