Warum machst du das

Immer wenn ich eine Meute kreischend hinter jemandem her- oder vor jemandem weglaufen sehe, ob im Fernsehen oder auf der Straße, denke ich an einen Moment aus meinen ersten Schuljahren. Er liegt mittlerweile dreißig Jahre zurück, ist mir aber deutlicher in Erinnerung als jeder andere aus dieser Zeit.

Wenn die Schule zu Ende war und wir im Schulgebäude auf den Bus warten mussten, beschäftigten wir uns mit einem Spiel, das wir „Türken verarschen“ nannten. Wir, das waren einige Jungen und Mädchen der vierten Klasse, die sich für besonders mutig hielten. „Türken“, das war vor allem eine bestimmte Türkin aus der Sechsten: ein etwas unschönes Mädchen mit Pickeln im Gesicht, größer und älter als die anderen, vielleicht einige Male sitzengeblieben, das meist allein und ein wenig finster blickend an der Wand stand. Das „Verarschen“ bestand darin, dass wir uns kichernd anschlichen, kurz um die Ecke blickten und dann kreischend wegrannten, als ob sie hinter uns her sei. Da sie aber nie kam, fing das Ganze bald wieder von vorne an.

Eines Tages war sie dann doch hinter uns, und da ich als Letzte weggerannt war, hatte sie mich plötzlich an der Schulter gefasst. Ich dachte, sie würde mich schlagen oder zumindest beschimpfen, aber ihr Griff war nicht hart. Ihre Augen sahen mich ganz ruhig an, und in ihrer Stimme lag keine Wut, als sie mich fragte: „Warum machst du das?“

Wir standen uns einen Moment gegenüber, allein im still gewordenen Treppenhaus unserer Schule, da sich die anderen schnell verzogen hatten. Während ich in ihre ruhigen braunen Augen blickte, wurde ich von einem Gefühl überflutet, das ich nicht vergessen habe. Es war Scham und Bewunderung gleichzeitig. Brennende Scham, weil ich nichts zu antworten wusste. Ich hatte nicht nachgedacht, sondern mitgemacht. Glühende Bewunderung, weil sie so ruhig und ohne Wut geblieben war. Sie hatte nicht gegenreagiert, sondern sich umgewandt, sich verletzlich gemacht, sich ausgesetzt und sich zugewandt. Sie war stärker und mutiger als wir alle. 

Ich weiß nicht mehr, ob die anderen weiterhin „Türken verarschen“ gespielt haben. Ich bin nie mehr kreischend in einer Meute mitgelaufen. Ich konnte es einfach nicht mehr. Die Türkin habe ich nicht mehr wiedergesehen und weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Aber wenn ich im Fernsehen oder auf der Straße eine kreischende Meute sehe, wünschte ich mir, sie würde plötzlich aus einer Ecke kommen, jeden Einzelnen herausnehmen, an der Schulter fassen und mit ihren ruhigen braunen Augen ansehen: „Warum machst du das?“ Vielleicht würde ihm dabei ein Licht aufgehen, das nicht mehr erlischt.